Ärzte gestalten Versorgung!
17.12.2018 13:17

Ärzte gestalten Versorgung!

Medizinstudium, Approbation, Facharztausbildung, praktische Berufserfahrung als Arzt. Wer wäre trotz dieses Wissens- und Erfahrungsschatzes besser in der Lage, Gesundheitsversorgung zu gestalten, als die Ärzteschaft? Jedoch erscheint es derzeit zunehmend so, dass andere und dabei insbesondere Krankenhausketten und Krankenkassen die Gestaltungshoheit in allen Fragen der Gesundheitsversorgung übernehmen. Warum nur ist das so?

Patienten erhoffen sich und benötigen im Falle von Krankheit Lösungen und nicht lediglich fragmentierte Angebote zur Versorgung, die dann selbst so zusammengestellt werden müssen, um bestmöglich zu genesen. Partikularinteressen innerhalb der Sektoren und die „Versäulung“ des sozialen Sicherungssystems insgesamt sind mithin Ursache für diese zerklüftete Versorgungssituation, welche durch zahlreiche Mängel gekennzeichnet ist und welche letztlich Patienten mit ihrem persönlichen Wohl ausbaden müssen.

Die Aufgabe, Versorgungslösungen für die Patienten zu gestalten, kann nur gelöst werden, wenn sich die Ärzteschaft ihrer Bedeutung aufgrund ihres essentiellen Beitrags für die Gestaltung der Gesundheitsversorgung insgesamt bewusst wird. So steht dem voran, dass kein Patient bzw. Nachfrager, wenn der Slogan „Der Kunde ist König“ ernst genommen werden soll, mit seinem Problem alleine gelassen werden darf. Dies bedeutet, Versorgung so zu gestalten, dass die Genesung des Patienten als Outcome auch messbar wird und dokumentiert werden kann. Zunehmend werden bei verbesserter Informationslage Patienten zu Kunden, welche die Qualität der Versorgung beurteilt wissen möchten. In Zeiten der Online-Portale, so unzureichend diese auch von Fachleuten beurteilt werden mögen, wird der Qualitätswettbewerb und damit der Wettbewerb um Patienten zunehmen. Und in dem System der Gesetzlichen Krankenversicherung werden die Krankenkassen als selbst erklärte Vertreter der Patienteninteressen dies einfordern. Der Druck auf die Ärzteschaft wird zunehmen, wenn diese keine Angebote formulieren kann, welche die Bedürfnisse der Patienten-Kunden befriedigen hilft. Alleine Honorarpolitik wird nicht Licht an’s Ende des Tunnels zaubern können.

Wie kann dem aber von Seiten der Ärzteschaft begegnet werden? Optimierte Patientenversorgung beginnt in der eigenen Praxis und entspricht unzweifelhaft einem Produktionsprozess in der Industrie. Der Patient ist gleichsam als Werkstück zu vergleichen, das in der Produktion veredelt bzw. in der Praxis behandelt wird. Dazu sind zum einen die Abläufe in der Praxis, das Wartezeiten-, Raum-, Wege- und Therapeutenmanagement zu optimieren, um erfolgreich diagnostizieren und behandeln zu können, und zum anderen die vor- und nachgelagerten Prozessschritte außerhalb der eigenen Praxis, die zur erfolgreichen Behandlung nötig sind. Dafür sind die Möglichkeiten der digitalen Transformation, wie der elektronische Informationsaustausch (E-Health) von ebenso großer Bedeutung wie der direkte persönliche Austausch mit Kolleginnen und Kollegen aber insbesondere auch mit den Leistungserbringern der Heilhilfsberufe und anverwandter Berufe wie Sozialarbeitern und ebenso mit Laien in Selbsthilfegruppen.

Um Fähigkeiten und Fertigkeiten der anderen Beteiligten an einer gelingenden Versorgung für einen dem Arzt optimierte Patientenversorgung zu nutzen und diese in den Produktionsprozess, die Behandlung, einbeziehen zu können, bedarf es Managementkenntnissen. Diese, und dies ist wichtig festzuhalten, müssen nicht vom Arzt selbst beherrscht werden, doch sollten Grundkenntnisse erworben und im Sinne moderner Arbeitsteilung Experten hinzugezogen werden, um Synergien und damit effizientes Handeln realisieren zu können. Es bedarf somit eines Koordinators, der nicht der Arzt selbst sein muss, der jedoch im Auftrag und im Namen des Arztes die Versorgung der Patienten vom Erstkontakt bis zur Genesung koordiniert.

Ärzte sind auf Grund ihrer Fachkompetenz gleichsam das „bottle-neck“ im Produktionsprozess, ohne die der gesamte Prozess hinfällig wäre, weshalb sie aufgefordert sind, die Beiträge der weiteren Beteiligten am Produktionsprozess zusammenführen. Dabei ist zu beachten, dass der eigene Beitrag des Arztes zum Therapieerfolg und damit die Qualität ärztlichen Handelns nur dann erkannt werden kann, wenn verstanden wird, dass sich der Produktionsprozess über die Arztpraxis oder das Krankenhaus hinaus erstreckt. Gerade hierauf muss sich die Ärzteschaft einstellen und Lösungen anbieten, die vom medizinischen Sachverstand geprägt sind und den Bedürfnissen nach Versorgungssicherheit für den informationell unterlegenen Patienten entsprechen. Wirtschaftswissenschaftler bezeichnen dies mit dem Begriff der Informationsasymmetrie, was bedeutet, dass ganz generell der Anbieter einer Leistung über Art und Güte der erbrachten Leistung besser „Bescheid weiß“ als der Patient vulgo Nachfrager. Daraus ergibt sich, dass die Leistung erklärungsbedürftig wird, der Arzt dem Patienten Vorzüge und Nachteile von Diagnose und Therapie erläutern muss, damit sich der dann „aufgeklärte“ Patient weitgehend selbständig entscheiden kann für oder gegen eine Therapie, sofern es sich nicht um einen Notfall handelt, der eine „Fremdentscheidung“ nötig macht. Was bedeutet aber „aufgeklärter“ Patient? Weshalb wünscht man sich den „aufgeklärten“ Patienten? Der „aufgeklärte“ Patient soll Entscheidungen selbst treffen und damit aber auch die Haftung für die Folgen seiner Entscheidung tragen. Kann er dies tatsächlich? Ist dies nicht vielmehr eine unzulässig Übertragung von Verantwortung auf den Patienten, die sicherlich aus haftungsrechtlichen Gründen verfolgt wird nach dem Motto, wer entscheidet, haftet auch dafür und trägt somit die Konsequenzen seiner Entscheidung? Gemeint ist damit zumeist nicht der arztaufgeklärte Patient sondern der internetinformierte Patient. Der internetinformierte Patient ist aber überinformiert und zugleich unterorientiert. Informationen, die über das Internet erlangt werden sind alleine aufgrund der Funktionsweise von Suchmaschinen zufällig und können weder Medizinstudium noch Facharztausbildung und ärztliche Erfahrung ersetzen. Die Ärzteschaft muss diese Informationen dem Patienten gegenüber einordnen helfen und die Deutungshoheit sich nicht nehmen lassen. Die ärztliche Leistung, die der Patient erwartet, besteht neben der Diagnose und Behandlung insbesondere darin, aus der fachlichen Autorität heraus, mit dem Patienten Entscheidungen zu treffen (shared-decision making) und nicht als x-beliebiger Marktteilnehmer medizinische Informationen und Leistungen anzubieten. Die Kernkompetenz des Arztes trotz aller technischen Hilfsmittel besteht in der Beziehung zum Patienten und der Schaffung von Sicherheit im Falle von Krankheit. Der Patient geht ja gerade deshalb zum Arzt, damit dieser die Informationslücke schließt, die sich für den Patienten im Falle von Krankheit in Bezug auf das Weshalb und mögliche Therapieoptionen auftut. Somit kommt dem Arzt die Aufgabe zu, im Interesse des Patienten, gleichsam anwaltlich, dessen Versorgung insgesamt zu koordinieren, da Ärzte die Nächsten sind für den Patienten. Im Sinne des freien Berufs sollte der Ärzteschaft deshalb erweiterte Möglichkeiten geschaffen werden, sich unternehmerisch zu betätigen, um Versorgungsketten wirkungs- und sinnvoll gestalten zu können. Zugleich muss allerdings klar sein, dass der Patient als Co-Produzent seiner Gesundheit im Produktionsprozess mitwirken muss und ebenso zu einer verantwortungsvollen Inanspruchnahme zu jeder Zeit veranlasst ist. Dies gelingt mit Aufklärung und Selbstbeteiligungskonzepten sehr gut.

Jedoch wird naher Zukunft trotz optimierten, ärztlichen Versorgungshandelns gerade in Hinblick auf die demographiebedingte Zunahme an Versorgungsfällen bei gleichzeitig zurückgehendem Beitragsaufkommen in der GKV und einer geringeren Zahl an Ärzten, Pflegekräften, Physiotherapeuten, Apothekern und anderen die Zuteilung der verfügbaren Versorgungskapazitäten virulent. Wenn auch niemand in der Politik den Begriff der Rationierung aussprechen möchte, so müssen Konzepte dafür jetzt erarbeitet werden. Wenn es auch schmerzlich erscheint, so sind die Ärzte und die Ärzteschaft die einzigen, welche durch die Nähe zum Patienten, durch ihre Kompetenz und durch kluges Managementhandeln Versorgungsangebote formulieren können, mithilfe derer trotz knapper Mittel weiterhin die bestmögliche Versorgung sichergestellt werden kann.

Juli 2018, Axel Olaf Kern, Lindau

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